Konjunkturumfrage der IHK Wiesbaden

Regionale Wirtschaft: Investitionen und Exporte steigen / Jedes 9. Unternehmen setzt bei Fachkräftemangel auf Flüchtlinge

 

12. Oktober 2016 - Die Wirtschaft im Wiesbadener Raum präsentiert sich im Herbst solide. Der Geschäftsklimaindex sinkt von nach wie vor hohem Niveau leicht um 2 auf 126 Punkte und markiert damit erneut den Spitzenwert in Hessen. Das ergab die repräsentative Herbstumfrage zur wirtschaftlichen Lage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Wiesbaden. Der Index lässt Aussagen zur regionalen Wirtschaftsentwicklung zu. Er wird aus dem Mittelwert zwischen der Beurteilung der aktuellen Lage und den Geschäftserwartungen gebildet und kann zwischen 0 und 200 Punkten schwanken. Ein Wert über 100 signalisiert einen spürbaren Wachstumsimpuls.
Die Unternehmen in der Wiesbadener Wirtschaftsregion bleiben einstellungsfreudig. So rechnet ein Viertel der Betriebe mit einem Anstieg der eigenen Belegschaft in den kommen-den zwölf Monaten. Nur 8 Prozent gehen von einem Abbau aus. Die momentane Geschäftslage wird von den Unternehmen im Bezirk der IHK Wiesbaden allerdings etwas schlechter eingeschätzt als im Frühsommer. 44 Prozent der Unternehmer beschreiben ihre Lage als gut (-6 Prozentpunkte), 7 Prozent (+2 Punkte) als schlecht. Hin-sichtlich der Geschäftserwartungen für die kommenden zwölf Monate ist zwar der Anteil der Unternehmen mit einer positiven Einschätzung gegenüber der Umfrage im Frühsommer von 24 auf 21 Prozent gefallen. Gleichzeitig rechnen aber nur noch 5 Prozent (-7 Punkte) mit schlechteren Aussichten. Per Saldo sind die Erwartungen damit jetzt etwas positiver.
„Die regionale Wirtschaft ist damit weiterhin in guter Verfassung“, sagt Dr. Florian Steidl, Chefvolkswirt der IHK Wiesbaden. Lichtblicke sieht er in den Investitions- und Exporterwartungen der Unternehmen. Die Unternehmen in Wiesbaden, dem Rheingau-Taunus-Kreis und in Hochheim wollen ihre Investitionszurückhaltung aufgegeben und deutlich mehr investieren. 37 Prozent der Unternehmen planen in den kommenden 12 Monaten mit steigenden Investitionsausgaben. Das ist ein Plus von 15 Prozentpunkten im Vergleich zum Frühsommer. Weiterhin nur 10 Prozent planen eine Kürzung der Investitionen. Die Investitionsbereitschaft ist damit so hoch wie in keiner Umfrage zuvor. Der Wille zu Investitionen wird von der Industrie- und Dienstleistungsbranche getragen. Groß- und Einzelhandel zeigen sich traditionsgemäß investitionsschwächer. „Die Unsicherheit im Zusammenhang mit dem britischen Votum für ein Ausscheiden aus der EU scheint nur von vorübergehender Dauer gewesen zu sein. Sie konnte abgeschüttelt werden“, erläutert Steidl. Auch das günstige Zinsumfeld unterstützt die Investitionsneigung der Unternehmen. „Der Blick auf Investitionen ist auch deshalb so wichtig, weil sie auf die Zukunft gerichtet sind. Die Investitionspläne der Unternehmen können als ein Seismograph für den Zustand der Wirtschaft in den kommenden Jahren betrachtet werden“, so Steidl.
Auch die Entspannung bei den exportierenden Unternehmen sieht Steidl als Zeichen nach-lassender Unsicherheit. Die Exporterwartungen haben sich gegenüber der letzten Umfrage im Frühsommer deutlich erhöht. Während 36 Prozent (+12 Prozentpunkte) der Betriebe in den nächsten 12 Monaten mit einem wachsenden Exportvolumen rechnen, gehen 13 Prozent (-2 Punkte) von einem Rückgang der Exporte aus. Auch die Auslandsnachfrage wird nur noch von 16 Prozent (-4 Punkte) der Unternehmen als Geschäftsrisiko erkannt.
Befragt nach Engpässen bei der Personalfindung, gaben 59 Prozent der Unternehmen mit Personalbedarf an, offene Stellen mangels passender Arbeitskräfte mehr als zwei Monate nicht besetzen zu können. 59 Prozent dieser Betriebe suchen Mitarbeiter mit (Fach-) Hochschulabschluss, 38 Prozent mit Weiterbildungsabschluss (z.B. Fachwirt/Meister), 23 Prozent mit dualer Berufsausbildung und 11 Prozent ohne abgeschlossene Berufsausbildung. „Engpässe bei Fachkräften gibt es im Wiesbadener Raum demnach umso eher, je höher das gesuchte Qualifikationsniveau ist“, stellt Steidl fest. Besonders gesucht seien kaufmännische Berufe (40 Prozent), gefolgt von technischen und IT-Berufen (35 bzw. 19 Prozent).
Auf den Fachkräftemangel wollen Unternehmen mit unbesetzten Stellen vor allem mit mehr Weiterbildung (54 Prozent), mehr Ausbildung (51 Prozent) und höherer Arbeitgeberattraktivität (z.B. Bezahlung, Arbeitsplatzqualität) (51 Prozent) begegnen. 39 Prozent planen eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 11 Prozent wollen Flüchtlinge einstellen. 12 Prozent der Unternehmen beschäftigen derzeit Flüchtlinge, die in den vergangenen fünf Jahren nach Deutschland gekommen sind. 4 bzw. 5 Prozent haben derzeit keine Flüchtlinge angestellt, aber innerhalb der letzten zwei Jahre Flüchtlinge beschäftigt bzw. wollen in den kommenden zwei Jahren Flüchtlinge einstellen. Von den Unternehmen, die bereits Flüchtlinge eingestellt haben oder dies planen, haben 39 Prozent ein Praktikum bzw. eine Einstiegsqualifikation angeboten. In 44 Prozent dieser Betriebe waren Flüchtlinge als Helfer, in 22 Prozent als Auszubildende und in 3 Prozent als Fach-/ Führungskräfte angestellt.