Wiesbadener Wirtschaft: Gesunde Entwicklung trotz Frühjahrsmüdigkeit

11. Mai 2016 - Nach einem euphorischen Jahresauftakt zeigt sich die Wirtschaft im Wiesbadener Raum frühjahrsmüde. Der Geschäftsklimaindex fällt von seinem Höchststand um 13 Zähler auf 128 Punkte – die Unternehmer sehen zunehmende Geschäftsrisiken, viele befürchten etwa ein weiteres Drehen an der Steuer- und Abgabenschraube wie zuletzt bei der Gewerbe- und Grundsteuer in vielen Kommunen. Das ergab die repräsentative Frühjahrsumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Wiesbaden zur wirtschaftlichen Lage. Der Index ist ein Gradmesser für die regionale Wirtschaftsentwicklung. Er wird aus dem Mittelwert zwischen der Beurteilung der aktuellen Lage und den Geschäftserwartungen gebildet und kann zwischen 0 und 200 Punkten schwanken.

Auch wenn der Wachstumsimpuls schwächer ausfällt als bei Jahresbeginn – die Wirtschaft in Wiesbaden, dem Rheingau-Taunus-Kreis und Hochheim präsentiert sich weiterhin gut: So kann die Region ihren Vorsprung innerhalb Hessens halten – der Geschäftsklimaindex für den Raum Wiesbaden liegt sieben Punkte höher als im gesamten Bundesland. „Im Vergleich zu den vergangenen beiden Jahren ist die Frühjahrsbelebung ausgefallen“, sagt Dr. Florian Steidl, Chefvolkswirt der IHK Wiesbaden, „doch die Wirtschaftsentwicklung pendelt sich auf ein gesundes Maß ein. Schließlich bewegen wir uns weiterhin auf einem hohen Niveau“. Anzeichen für eine weiterhin positive Entwicklung sieht Steidl etwa bei den Personalplänen: So zeigen sich die Unternehmen im Wiesbadener Raum nach wie vor einstellungsfreudig – ein Viertel der Betriebe rechnet in den kommenden 12 Monaten mit einer Vergrößerung ihrer Belegschaft. Nur 5 Prozent planen einen Stellenabbau.

Insgesamt ist der Anteil der Unternehmen mit positiven Geschäftserwartungen für die kommenden zwölf Monate gegenüber der Umfrage zu Jahresbeginn von 35 auf 24 Prozent gefallen. Nunmehr 12 Prozent (+7 Prozentpunkte) der Betriebe rechnen mit einer schlechteren Entwicklung. „Vor allem in der Industriebranche und im Dienstleistungssektor sinkt die Zuversicht – die Aussichten insgesamt sind aber nach wie vor positiv. Insoweit besteht kein Grund zur Sorge“, stellt Steidl fest. Als Gründe für die Korrektur der Geschäftserwartungen nach unten nennt Steidl die seit zehn Monaten rückläufigen Auftragseingänge in der Industrie, die globalen Krisen und politischen Risiken sowie die Schwäche der Schwellenländer: „Diese Faktoren wirken sich zunehmend auch auf das Exportgeschäft aus.“ Die Auslandsnachfrage werde von Unternehmen zunehmend als Geschäftsrisiko identifiziert – im Vergleich zum Jahresbeginn werden die Exporterwartungen deutlich zurückhaltender eingestuft. Insgesamt bleiben sie positiv: Während 24 Prozent (-12 Prozentpunkte) der Betriebe in den nächsten zwölf Monaten mit einem wachsenden Exportvolumen rechnen, gehen 15 Prozent (+15 Punkte) von einem Rückgang der Ausfuhren aus.

Die gegenwärtige Lage wird von den Unternehmen im Bezirk der IHK Wiesbaden etwas schlechter als zu Jahresbeginn beurteilt, aber etwa so gut wie im Herbst 2015. Die Hälfte der Unternehmen beschreibt ihre Lage als gut, 45 Prozent als befriedigend nur 5 Prozent als schlecht. In der Industriebranche ist die Lage besonders gut: Besser war sie zuletzt zum Jahresbeginn 2008. Getragen wird die Wirtschaftsentwicklung vom starken Inlandskonsum: Tarifzuwächse, Rentenanpassungen und steigende Beschäftigung, gepaart mit weiterhin niedriger Inflation, erhöhen die Realeinkommen und die privaten Konsumausgaben. Geld- und Sachleistungen an Flüchtlinge erhöhen zusätzlich kurzfristig den privaten und staatlichen Konsum und nützen dem Einzelhandel und einigen Dienstleistern. Besonders der Einzelhandel ist hoffnungsvoller gestimmt als noch zu Jahresbeginn. Ein Viertel der Händler haben positive Erwartungen, 11 Prozent negative (jeweils +4 Prozentpunkte).

Der Anteil der Unternehmen, die mehr investieren wollen, ist mit 22 Prozent leicht rückläufig (-2 Prozentpunkte). Weiterhin nur 10 Prozent planen eine Absenkung der Investitionsausgaben. Insgesamt werden die Investitionen damit weiter zunehmen, aber langsamer als zuvor. Die Investitionsabsichten der einzelnen Branchen sind ambivalent. Während ein Drittel (+5 Punkte) der Industrieunternehmen ihre Investitionen weiter steigern wollen, ist der Dienstleistungsbereich zurückhaltender. Investitionsschwach zeigen sich der Groß- und der Einzelhandel. „Die tendenziell sinkende Investitionsbereitschaft kann als Zeichen von Unsicherheit gewertet werden“, sagt Steidl. Unternehmen erkennen zunehmende Geschäftsrisiken. Neben der Nachfrageentwicklung betrachten 56 Prozent der Betriebe die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als eines der größten Risiken der wirtschaftlichen Entwicklung. Ein Drittel der Unternehmen betrachtet die Entwicklung der Arbeitskosten zunehmend kritisch.

Unternehmerstimme zur Konjunkturentwicklung:
Dr. Ottmar Franzen, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Konzept & Markt GmbH, Geisenheim, die für internationale Unternehmen Marktstudien, etwa auf Basis von Umfragen, erstellt:
„Der Einfluss von schlechten Nachrichten auf Befragungsergebnisse ist ein Grund für die Korrektur der Geschäftserwartungen nach unten. Dabei bewerten vorsichtige Kaufleute ihre Erwartungen skeptischer, wenn die Rahmenbedingungen trotz individuell guter Geschäftslage für Unsicherheit sorgen. Ein Beispiel sind die Wahlergebnisse der jüngsten Landtagswahlen.“